PHILOSOPHIE(7)Entwurf · 3.11.2026destrudo.de
Philosophie
15 Punkte, an denen die Projekte zu Fragen werden.
# Diese Texte hat Claude aus den Zetteln abgeleitet und mit Denkern verknüpft, die Nico nicht genannt hat. Sie sind Vorschläge.
1 Die Knappheit wandert
Wenn Herstellen fast nichts kostet, wird etwas anderes teuer. Bei uns sind es Aufmerksamkeit, Urteil, Pflege und Tokens. Die Ökonomie kennt das als Jevons-Paradox: Effizienz senkt den Verbrauch nicht unbedingt, sie kann ihn erhöhen. Mit der halben Last kamen mehr Anfragen, und alte Projekte lebten wieder auf. Die erste Frage an ein Projekt heisst deshalb: Was kostet es danach, und wen?
# Zettel: Das Verhältnis kippte in einem Jahr · Die Stunden verschwinden nicht · Entlastung erzeugt mehr Arbeit · Das Kontingent ist ein Entwurf · Der Engpass sitzt beim Fragenstellen
2 Arbeiten, Herstellen, Handeln
Hannah Arendt unterscheidet in «Vita activa» drei Tätigkeiten. Arbeiten dient dem Lebensprozess, Herstellen schafft die dauerhafte Welt der Dinge, Handeln geschieht zwischen Menschen. Wenn Modelle das Herstellen übernehmen, rückt das Handeln in die Mitte: abhören, aushandeln, verantworten, zusammen im Raum sein. Vielleicht fanden unsere stärksten Momente deshalb in Sälen und Klassenzimmern statt, und nicht im Terminal.
# Zettel: Was bleibt? · Zusammen im selben Raum · Wo ist digital noch mein Wert? · Wer drückt, drückt für alle · Das ist meins
3 Was ist ein Werk?
Der Film ist eine Ausgabe, das Programm ist das Werk. Das Fach ist eine Konfigurationsdatei, MI-Tube ihre Ausgabe. Damit verschiebt sich die Autorschaft nach oben: Autor:in ist, wer die Bauanweisung verantwortet. Das gibt der alten Unterscheidung von Partitur und Aufführung neues Gewicht. Wiederverwendung verschwindet dabei nicht, sie wandert vom Code zum Rezept: Das Rezept ist die Flasche, die Ausgabe der Becher.
# Zettel: Die Bauanweisung statt des Ergebnisses · Ein Film ist ein Programm · Ein Fach ist eine Konfigurationsdatei · Wer ist jetzt Autor:in? · Der Dozent disqualifiziert sich · Einweg-Apps und Mehrweg-Apps
4 Modellieren heisst vereinfachen, mit Absicht
Der Statistiker George Box schrieb, alle Modelle seien falsch, manche aber nützlich. Modellieren heisst entscheiden, was weggelassen wird: Beim Schulweg gewichtest du Querungen, bei every-TUBE wählst du Quellen und Kriterien. Die Notation fällt, UML brauchen wir kaum noch. Das Denken dahinter wird wichtiger, denn Code ist nur noch Zwischenprodukt. Vielleicht ist Modellieren das neue Programmieren, und Schulen sollten genau das unterrichten.
# Zettel: Modellieren ist wichtiger als Programmieren · Zwei Bedeutungen von Modell · UML fällt · Kürzester Weg ist nicht sicherster Weg · Das Rezept braucht drei Dinge · Code ist der neue Maschinencode
5 Wir wissen mehr, als wir sagen können
Das Stethoskop-Argument, das im Vortrag noch fehlt, liefert Michael Polanyi: «We can know more than we can tell.» Ein Modell verarbeitet, was gesagt wurde. Anforderungen entstehen aber aus dem, was niemand sagt: aufliegende Handgelenke am Bildschirmrand, die Angst hinter einer Elternfrage, der Wunsch hinter dem Wunsch. Agenten können diagnostizieren, was in den Daten steht. Abhören heisst, das zu finden, was noch nirgends steht.
# Zettel: Das Stethoskop bleibt · Noch zu schwach begründet · Auch Agenten diagnostizieren · Der Körper bestimmt das Layout · Hinter der Frage steckt das Thema · Anforderungen kamen aus Gesprächen · Der Engpass sitzt beim Fragenstellen
6 Verstehen oder funktionieren
John Searles Zimmer liefert richtige Antworten, ohne Chinesisch zu verstehen. Unsere chinesische Welt ist grösser: Alle können alles, und niemand versteht mehr, was gemacht wurde. Solange es läuft, stört das nicht. Es stört, wenn jemand etwas anfassen muss. Deshalb wird Lesen zur knappen Fähigkeit. Dekodieren ist schwerer als Kodieren, und Bildung müsste genau dort ansetzen.
# Zettel: Chinesische Welt · Wer sitzt im Zimmer? · Dekodieren ist schwerer als Kodieren · Code ist der neue Maschinencode · Man fühlt sich wie Iron Man · Vibecoded läuft, bis es jemand anfasst
7 Zweckentfremdung als Erkenntnis
Ein Sprachmodell, das nie spricht. Ein Türstopper als Joystick. ChatGPT als Diktiergerät. Wer ein Ding anders benutzt als gedacht, lernt, was es wirklich kann. Das war immer die Haltung des Hackens und der Bastelei. Modelle laden besonders dazu ein, denn niemand weiss genau, was in ihnen steckt. Sonic Pi wurde erst ein Instrument, als die alte Musiktheorie fiel. Wer ein Modell nur benutzt, um Altes nachzubauen, verpasst das.
# Zettel: Ein Sprachmodell, das nie spricht · Zweckentfremdung als Methode · Sonic Pi wird ein Instrument · Tools neu gebaut, die ich schon baute · Banane als Taste
8 Sichten und die gemeinsame Welt
Jede Person bekommt die eigene Sicht. Das befreit, und es trennt. Worüber reden wir, wenn niemand mehr dasselbe sieht? Darum ist MI-Tube kein Widerspruch: Eine gemeinsame Sicht ist auch ein gemeinsamer Gesprächsgegenstand. Herkunft wird dabei zur Bedingung, denn nur wer sieht, wer die Brille gebaut hat und wofür, kann ihr widersprechen. Auch ein Hype ist eine Sicht, und jemand hat für diese Aussicht bezahlt.
# Zettel: Sichten statt Sammlungen · Eine gespeicherte Sicht · Herkunft bei jeder Empfehlung · Sichten wecken Gefühle · Der Hype zeigt die beste Aussicht · Tragen oder festhalten
9 Die Grenzen der Sicht sind die Grenzen der Welt
Wittgenstein schrieb: Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt. Der Index von MI-Tube kennt «Klimawandel» nicht, und genau deshalb bleibt er klein. Dasselbe gilt für Modelle: Das Kontextfenster ist ihre Sicht. Beschränkung ist hier eine Technik: Sie macht Rechnen billig, Editoren benutzbar und Betrieb tragbar. Kleinheit braucht Erfahrung, denn die naheliegende Lösung ist immer grösser.
# Zettel: Den Datenraum kann ich klein halten · Der Kontext reichte eine Datei weit · Klein halten ist die eigentliche Technik · Beschränkung erzeugt Erfindung · Wenige feste Plätze statt Menüs · Erfahrung macht Lösungen klein
10 Das Hindernis
Wir räumen in der Technik Hindernisse weg und bauen sie im Lernen wieder ein. Bernard Suits nennt Spielen den freiwilligen Versuch, unnötige Hindernisse zu überwinden. Golf wäre leichter, wenn du den Ball ins Loch trägst. Die Frage heisst deshalb: Was tue ich fürs Ergebnis, und was fürs Tun? Automatisierung ist ein Regler, und jemand muss entscheiden, wo er steht. Bei Kindern entscheiden Erwachsene, und das ist eine Verantwortung.
# Zettel: Spielen sucht Hindernisse · Hürden bewusst aufrechterhalten · Ungeschützte Hilfe kann schaden · Automatisierung ist ein Regler · Was übrig bleibt, war schon immer Spiel · 20 Prozent abgeben
11 Die Traumfalle
Am Anfang wollte Nico alles bauen, was er sich je erträumt hatte. Früher schützte die Mühe vor den eigenen Wünschen: Vieles blieb Traum, weil es zu teuer war. Fällt der Preis, fällt der Filter. Dann entsteht viel, was niemand gefragt hat, und die Leistung steckt woanders. Der Satz «Nicht alles neu machen, nur weil es jetzt geht» ist deshalb eine Selbstermahnung. Können prüft den Wunsch nicht mehr, das muss jetzt jemand anderes tun.
# Zettel: Die Traumfalle · Tools neu gebaut, die ich schon baute · Die 5000. Quiz-App · Breite ist billig, Tiefe bleibt teuer · Nicht alles neu machen, nur weil es jetzt geht · Mir fällt nichts mehr ein
12 Konviviale Werkzeuge und der Preis der Freiheit
Ivan Illich unterschied Werkzeuge, die Menschen ermächtigen, von solchen, die sie abhängig machen. Eigenbau wirkt konvivial: raus aus Doodle, rein in die eigene App. Dann kommt die Rechnung: Hosting, Datenschutz, Serverstandort, Wartung. Die Lehrperson, die sagt «das mache ich für mich», tauscht eine Abhängigkeit gegen eine Pflicht. Freiheit braucht offenbar Träger: eine Person, die berät, einen Verein, der betreibt, einen Kanal, in dem Wünsche ankommen.
# Zettel: «Das mache ich für mich» · Wer anbietet, betreibt · Enshittification · Ein Verein ist entstanden · Lehrpersonen bauen mit · Braucht es Informatiker:innen in der Beratung?
13 Hülle und Inhalt
Marshall McLuhan sagte, das Medium sei die Botschaft. Bei AR und VR fehlte lange die Botschaft: Die Hülle stand da und wartete. Mit generierten Inhalten kippt das Verhältnis. Inhalt ist billig, die Hülle entscheidet, ob etwas wirkt. Sechs Hüllen für einen Newsletter, eine Pyramide für eine Pixelfigur. Splats und Embeddings sind beides Punktwolken, und vielleicht führt der Weg zur Szene aus Iron Man über begehbare Bedeutung.
# Zettel: AR und VR als Visualisierungshülle · Mit KI mit Leben füllen · Den Saal begehbar machen · Ein Inhalt, sechs Hüllen · Selbstgemaltes wird körperlich · Die Referenzszene
14 Delegation und Verantwortung
«Ich habe mich selbst aus der Schleife genommen. Gefährlich, ich weiss.» Delegieren heisst, das Dazwischen nicht mehr zu sehen. Darum zählt, was wir als Beweis akzeptieren: grüne Tests sagen nichts über fast 2'900 unsichtbare Kostüme, und zwei einige Agenten beweisen nur Stabilität. Das Wissen, wie man Aufträge gibt, Stichproben zieht und rückmeldet, besitzen Lehrpersonen längst. Haften kann ein Agent nicht.
# Zettel: Delegation heisst Vertrauen plus Stichproben · Ich nehme mich aus der Gleichung · Ich werde gefahren · Wer orchestriert wen? · Behaupten ist billiger als beweisen · Tests prüfen, was sie ausführen · Stabil heisst nicht richtig · Lehrpersonen können Agenten
15 Der Moment und das Gedächtnis
Just in time kennt keinen Vorrat. Sichten, Einweg-Apps und Antworten entstehen für den Moment und sind danach weg. Aber wer erinnert sich? Von «Making in der Schule» liegen noch Hilfsbibliotheken auf dem Server. Agenten vergessen nach jeder Sitzung, wenn man ihnen kein Gedächtnis baut. Gedruckte QR-Codes halten länger als die Website dahinter. Je flüchtiger die Oberfläche, desto wichtiger wird, was bleibt: Daten, Rezepte, Notizen.
# Zettel: Just in time · Gedächtnis muss man bauen · Pflege zeigt sich Jahre später · Was von alten Projekten bleibt · Gedruckte QR-Codes sind ein Versprechen · Einweg-Apps und Mehrweg-Apps
Entwurf, noch nicht von Nico freigegeben. Bezüge: Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, 1960 (englisch The Human Condition, 1958) · George Box, 1976 («all models are wrong»), 1979 und 1987 («but some are useful») · Michael Polanyi, The Tacit Dimension, 1966 · John Searle, Minds, Brains, and Programs, 1980 · Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus, 5.6, 1921 · Bernard Suits, The Grasshopper, 1978 · Ivan Illich, Tools for Conviviality, 1973 · Marshall McLuhan, Understanding Media, 1964 · William Stanley Jevons, The Coal Question, 1865.